Stadtarchiv lebt digital auf 23.05.2026
Wer verstehen will, wie Rüsselsheim am Main geworden ist, was es heute ist, der findet die Antworten nicht allein in Chroniken oder Geschichtsbüchern. Er findet sie in vergilbten Zeitungsartikeln, in sorgsam beschrifteten Fotografien, in alten Schülerzeitungen, Landkarten und privaten Dokumenten. Vor allem aber findet er sie im Archiv des Heimatvereins Rüsselsheim, an dem Vergangenheit nicht verstaubt, sondern lebendig gehalten wird.
Bereits 1909 eröffnete der Heimatverein das erste Museum der Stadt. Damit legte der Verein den Grundstein für das heutige Stadt- und Industriemuseum in Rüsselsheim und bewies, wie wichtig Bürgerinnen und Bürger für das kulturelle Gedächtnis einer Stadt sind. Tausende Fotografien, Zeitungsartikel und Dokumente lagern im Archiv des Vereins, erzählen von Industrie und Alltag, von Festen, Krisen, Schulen, Vereinen, Straßenzügen und Menschen, die das Gesicht der Stadt prägten.
Aktuell hat der Heimatverein etwa 100 Mitglieder, die sich leidenschaftlich mit der Geschichte ihrer Heimatstadt befassen. Der Verein tritt mit seinen Ausstellungen, wie in der Adventszeit, in die Öffentlichkeit, während die eigentliche Arbeit häufig im Hintergrund stattfindet. Jeden Donnerstag zwischen 15 und 18 Uhr stehen Mitglieder der Archivgruppe für Fragen und Wünsche von Besucherinnen und Besuchern offen zur Verfügung. Wer Fragen zur Stadtgeschichte hat, findet dort Ansprechpartner mit umfangreichem Wissen und großer Hilfsbereitschaft.
Seit fünf Jahren arbeitet die Archivgruppe zusätzlich an einem Projekt, dessen Dimension schnell deutlich wird: der Digitalisierung des gesamten Archivs. Eine Aufgabe, die gleichermaßen technisches Verständnis, Geduld und historische Sorgfalt verlangt. „Rund 1.500 Dias wurden eingescannt, aber noch nicht bearbeitet“, berichtet Archivleiter Dieter Dehn. Gleichzeitig verweist er auf etwa 4.000 bereits verarbeitete Fotografien. Dennoch bleibt der Blick realistisch. „Lediglich haben wir bislang nur an der Schale der Apfelsine gekratzt“, sagt er lachend. Denn das Archiv umfasst allein mehr als 12.000 Zeitungsartikel. Hinzu kommen Broschüren, private Sammlungen und historische Unterlagen unterschiedlichster Art.
Für Manfred Gravelius ist klar, dass die Digitalisierung ein Generationenprojekt ist. Gemeinsam mit Dieter Dehn und Markus Kraft pflegt er die Daten ins „RüsselWiki“, das digitale Gedächtnis des Heimatvereins, ein. „Komplett verarbeitet wurden die Heimatverein-Hefte ‚Liebe Heimat‘ und ‚Rucilin‘, Landkarten sowie die Schülerzeitungen der IKS“, erläutert Gravelius. So entsteht Schritt für Schritt ein digitales Archiv, das künftige Recherchen erheblich erleichtern soll. Helfer werden benötigt, insbesondere Menschen mit EDV-Kenntnissen sind willkommen. Die Sicherung historischer Bestände ist nicht mehr nur eine Frage von Aktenordnern, sondern auch von digitaler Struktur.
Wie wertvoll die Arbeit des Heimatvereins für die Stadtgesellschaft ist, zeigt sich inzwischen auch weit über klassische Geschichtsforschung hinaus. Sichtbar etwa beim Projekt ARTmap. Gemeinsam mit dem Heimatverein entwickelte Sam Khayari Inhalte zu Rüsselsheimer Denkmälern, Bauwerken und öffentlicher Kunst. Dabei wurde erneut deutlich, dass ohne die jahrzehntelange Arbeit des Vereins viele Informationen womöglich längst verloren wären. Der Heimatverein bewahrt damit nicht nur Geschichte. Er schafft Identität.
Ein Ei für 320 Milliarden Mark 03.11.2023
Die „Hyperinflation“ 1923 veranlasste unter anderem Opel, eine eigene Währung herausgeben
Aktueller könnte das Thema nicht sein: Seit Wochen hört man unter anderem in den Medien den Begriff Inflation. Aber wie war das eigentlich vor 100 Jahren, als die deutsche Inflation zur „Hyperinflation“ wurde und Geldnoten weniger wert waren als die Tapete, die man sich an die Wand kleben konnte?
Mit diesem Thema hat sich nun der Heimatverein Rüsselsheim auseinandergesetzt: „Inflationsgeld“ wird das Thema der diesjährigen Adventsausstellung sein, die am ersten Adventswochenende in den Räumen in der Festung zu sehen sein wird. Wer lediglich alte, vergilbte Geldscheine erwartet und trockenes Wissen über die Zeit vor 100 Jahren, der wird sich vermutlich wundern. Denn wie üblich hat das Team um Heimatvereinsvorsitzenden Manfred Powalka das Interessanteste aus dem Thema herausgekitzelt. Und das ist jede Menge, sodass ein Besuch der Ausstellung fast schon zur Pflicht wird.
Zum Hintergrund: Bereits zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte die deutsche Währung, die Mark, bereits die Hälfte ihres Wertes verloren, und zwar, was die Kaufkraft betrifft. Grund war die Finanzierung des Krieges. Als eigentliche Ursache der „Hyperinflation“ gilt jedoch der Geldbestand. Dieser war in den hohen Reparationszahlungen begründet. Da die deutsche Regierung dieser nicht mehr zahlen und auch sonst keine Ersatzleistungen erbringen konnte, kam es zur Besetzung der französischen und belgischen Truppen. Der passive Widerstand, wie Streiks gegen die militärische Besetzung, und damit verbundene Lohnfortzahlungen führten zur weiteren Geldvermehrung und beschleunigten die Inflation. Wer seinen Lohn nicht gleich nach Erhalt für Waren ausgab, der konnte sich bereits Stunden später nichts mehr dafür kaufen.
Ein Beispiel: In Berlin kostete am 2. Dezember 1923 1 Ei 320 Milliarden Mark, 1 Liter Milch 360 Millionen Mark und ein Dollar entsprach 4,21 Billionen Mark. Da in der hiesigen Region Unruhen durch Separatisten herrschten und diese sich erhofften, die Bevölkerung mit der Ausgabe von selbst gedrucktem „Notgeld“ auf ihre Seite zu ziehen, kam es zur Ausgabe von Notgeldscheinen. Es sollte vorgetäuscht werden, dass dieses von der französischen Regierung gedeckt ist. Ausgegeben wurde „Notgeld“ auch von Firmen wie Opel, MAN (Gustavsburg) oder Hessenland (Raunheim). Das Geld diente hier, um die Arbeiter zu entlohnen, zudem musste ein Gegenwert zur Deckung bei der Reichskreditgesellschaft in Berlin hinterlegt werden, zum Beispiel Devisen.
„Was das Notgeld gemeinsam hat, sind die geringen Verbreitungsgebiete und die Tatsache, dass es sich eigentlich nicht um Geld handelte, sondern um Gutscheine, die gegen Reichsgeld getauscht werden können“, berichtet Manfred Powalka. Er hat die Separatisten- und Inflationsjahre bereits vor 23 Jahren aufgearbeitet und in der vereinseigenen Publikation „Rucilin“ zusammengefasst.
Notgeldscheine aus der Region finden sich auch teilweise heute noch auf Dachböden, die entrümpelt werden. Und da die Scheine in den verschiedenen Wertstufen und Farben alle unterschiedliche Merkmale aufweisen, ist es eine wahre Wissenschaft, wenn man sich mit dem Notgeld oder gar den in Umlauf gebrachten Fälschungen befasst.
„Natürlich gibt es auch beim Notgeld richtige Raritäten und es ist sogar so, dass man immer mal wieder Scheine neu entdeckt, die man vorher nicht gekannt hat“, so Manfred Powalka. Die Dimension der Menge von Papierscheinen, die teilweise mit Schubkarren befördert wurden, wird deutlich, wenn man sich die Ausgabe der Main-Spitze vom 30. November 1923 ansieht. Geschrieben steht hier Folgendes: „Etwa ein Dutzend Trillionen Papiermark werden in diesen Tagen täglich ausgegeben. Über den Begriff Trillionen herrschen große Unklarheiten. 1000 Millionen sind eine Milliarde, 1000 Milliarden eine Billion, 1000 Billionen sind aber noch nicht eine Trillion, sondern erst eine Billiarde….“.
Abgelöst wurde das Notgeld übrigens von der Rentenmark, die am 15. November 1923 eingeführt wurde.
Recherche fördert Erstaunliches zutage 31.05.2023
In der 20. Ausgabe des „Rucilin“ rückt der Heimatverein die Kriegerdenkmäler in Rüsselsheim in den Fokus
Vor über einem Jahrhundert, genau genommen im Jahr 1905, wurde der Heimatverein Rüsselsheim ins Leben gerufen. Zu den Gründern des Vereins gehörten, neben dem Rüsselsheimer Lehrer Wilhelm Sturmfels, auch damalige Persönlichkeiten wie der Theologe und Pfarrer Emil Fuchs, der spätere Bürgermeister Georg Treber XI. sowie der Rüsselsheimer Bürgermeister Jakob Sittmann und der Kaufmann Paul Hungsberg. Bereits vier Jahre nach der Gründung eröffnete der Heimatverein in der Festung das erste Museum der Stadt und machte so Geschichte und Heimatkunde zugänglich für alle.
Noch heute sind das Museum, aber auch die Räume des Heimatvereins in der Festung angesiedelt. Im Obergeschoss des Ostflügels schlummert ein nahezu unbezahlbarer Wissensschatz in Form von Bildbänden, Fotografien, Heimatliteratur, Dokumenten und Tonbandaufzeichnungen. Dass das „Team“ des Heimatvereins auch mit der Zeit geht und sich nicht nur durch altes Papier wühlt, zeigt das digitale Nachschlagewerk „RuesselWiki“, an dem ein Team der „Gralshüter der Heimatgeschichte“ seit vielen Monaten arbeitet. Aber wer interessiert sich überhaupt noch für die Rüsselsheimer Historie? Und wer findet im Zeitalter von Google, Wikipedia und dem Internet überhaupt noch den Weg ins Archiv des Heimatvereins, das donnerstags zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet hat?
„Oft sind es Menschen, die über die Familiengeschichte recherchieren, oder Auskunft zu bestimmten Dingen oder Begebenheiten haben möchten“, sagt Manfred Powalka. „Natürlich spielen auch die Öffnungszeiten eine Rolle, wenngleich wir da flexibel sind“. Mit Powalka, der dem Verein seit 1989 angehört und seit 1992 vorsteht, hat der Heimatverein einen Mann an der Spitze, der sich in Dinge verbeißt, dem aber auch das richtige Team zur Seite steht. Denn das Recherchieren liegt den Aktiven des Heimatvereins. Unter Beweis gestellt wird dies nun erneut, denn die neue Ausgabe der Heimatschrift „Rucilin“ ist erhältlich und besticht nicht nur durch ihr Äußeres, sondern vor allem durch den Inhalt. „Erstmals in Farbe und mit 208 Seiten so dick wie noch nie“, freut sich Manfred Powalka, der an dieser Stelle auch auf den gelb-blauen Einband hinweist, der auf das aktuelle Geschehen in der Ukraine hinweist.
Rund drei Jahre lang recherchierte und arbeitete Powalka am Rucilin, der dieses Mal die Kriegerdenkmäler in Rüsselsheim in den Fokus rückt. „Es war wirklich eine Überprüfung der Denkmäler sowie der Namen, die darauf verzeichnet sind“, erklärt Powalka, der bei seinen Recherchen Erstaunliches entdeckte. Groß war die Verblüffung etwa darüber, dass sich die Zahl der verzeichneten Opfer auf einem der Denkmäler nicht mit der im entsprechenden Gedenkbuch deckt. Interessant auch, dass eines der Denkmäler (auf dem Opel-Werksgelände) nur noch teilweise existiert. Erzählen könnte man noch viel über die 20. Ausgabe des Rucilin, in dem unter anderem auch die Rede des Rüsselsheimer Pfarrers Willi Göttert, die dieser bei der Uno-Sondertagung hielt, abgedruckt ist. „Wir sind dankbar über jeden, der etwas schreiben möchte – egal über welche Themen“, sagt Powalka.
Was den Heimatverein-Mitgliedern bei ihrer Arbeit allerdings wichtig ist, sind vernünftige Recherchen. Nur ein bisschen an der Oberfläche kratzen, das gilt nicht im Heimatverein Rüsselsheim, der seinen Mitgliedern nicht nur die Möglichkeit bietet, an der Aufarbeitung und Konservierung der Rüsselsheimer Geschichte mitzuwirken und Vorträgen zu dieser zu lauschen, sondern auch Geselligkeit zu leben, wie etwa bei Ausflügen.